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Mensch - Bild - Welt
Alexander Arotin im Gespräch mit Serghei Victor Dubina
über das ästhetische Konzept seiner multimedialen interaktiven szenischen Rauminstallation zu Beckett’s Warten auf Godot
Becketts Landstrasse gibt es nicht mehr. (allenfalls als idyllisches Urlaubsziel). Heutzutage haben wir es mit einer reproduzierten und simulierten irrrealen virtuellen Welt zu tun, die sich auf Knopfdruck sofort verändert. Jedes Bild ist abrufbar. Die Erwartungshaltung hat sich verändert, die Leere hat sich in Raserei,
in Überfluss und Überfülle verwandelt. Nicht dass niemand vorbeikommt, ist heute das Problem, sondern dass niemand stehenbleibt. Die Frage des Menschen in seinem Verhältnis zur Umwelt, wie man auf Leere und Fülle -was das Gleiche sein kann- reagiert, und wie man Orientierung findet, wie man mit der zunehmenden Zersetzung
der Realität umgeht, mit Bruchstücken, die über die Bildschirme vorbeirasen und keinen Sinn mehr ergeben, mit Personen, mit denen keine Kommunikation möglich ist...
Beckett beschreibt nicht nur diese Ratlosigkeit, seine Personen fliehen ständig in die Phantasie, in Fragmente ihrer Erinnerung und Träume, und sie versuchen mit der Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, so umzugehen, dass sie diese Leere nicht merken. Die Leere bleibt, wird aber durch die Komik überwunden! Das ist wahrscheinlich
auch der Zukunftsimpuls !

Der erste Gedanke zur Visualisierung betrifft das erste Wort im Stück: Landstrasse.
Ich stelle mir dabei eine Strasse vor, die keine Perspektive hat, keine Richtung, die nicht im Undeterminierten, in einer Kulisse oder im Dunkeln verschwindet. Es sollte die „Unmöglichkeit“ dieser Strasse vermittelt werden - ein „Non-lieu“, “Nicht-“ oder “Un-Ort“.
Dies ist nur möglich, wenn man diese Strasse von oben aus betrachtet, aus der Luft, von “Godot“ aus. Die Strasse hat zwar immer noch eine graphische Richtung (als Plan) sie wird aber flach und verliert ihre Tiefe und Benützbarkeit.
Als ersten Schritt habe ich ein quadratisches Stück so einer Strasse vertikal aufgestellt - eine visuelle Verschiebung der Schwerkraft. Oben und Unten, lösen die gewohnte Perspektive von Vorne und Hinten ab, der Weg führt vom Himmel in die Hölle, vom Leben in den Tod, auf die Strasse, ins Grab. Die Personen scheinen durch
diesen Richtungswechsel beim Gehen zu kriechen und beim Stehen zu liegen. Das ist die Grundsituation.
Auf diesem aufgeklappten Strassenfragment, sieht man eine strichlierte Linie -den Mittelstreifen der Strasse- in unaufhörlicher langsamer Bewegung horizontal von rechts nach links ziehen.
Die Personen folgen manchmal dieser Bewegung und wiedersprchen ihr an bestimmten Punkten: das heisst, die Strasse bewegt sich weiter, ohne dass sich die Personen selbst weiterbewegen -
Am Ende des Stücks heisst es:
-Wir gehen? -Gehen wir!
Sie gehen nicht von der Stelle.
Diese Strasse besteht aus Licht. Es handelt sich um eine multimediale Computer-Projektion. Die Strasse wird somit auch zu einem Bildschirm, einem Monitor, einer szenischen Partitur.
Auf diese anfangs leere Fläche werden fortwährend verschiedene visuelle und akustische Elemente und „Störfaktoren“ projeziert, die sich allmählich zu einem Bild aufbauen. Die Personen verhalten sich wie Maler in ihrem Bild. Sie werden zu Künstlern und versuchen, wenigstens für einen Augenblick der Manipulation der „Aussenwelt“
zu entgehen, von der Reaktion zur Aktion zu kommen - und sie schaffen es ja immerhin gelegentlich bis zum Fragment einer Aktion! (lacht)
Umgeben vom dunklen leeren Raum, sieht man eine schwebende vertikale quadratische Fläche von acht mal acht Metern. Die Eckpunkte sind mit dem zentralen Projektor mit leuchtenden Linien verknüpft. Es scheint, als würde ein Lichtkegel ins Nichts leuchten und gleichzeitig einen Auschnitt markieren, der sich allmählich im Laufe
des Stücks materialisiert.
Barcelona, August 2003
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