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Arotin  meets  WERNER SCHWAB

DER HIMMEL, MEIN LIEB, MEINE STERBENDE BEUTE


von Werner Schwab
Konzept, Inszenierung, Raum und Musik
von Alexander Arotin

Mit Heinz Schmolz, Chantal Niebisch, Catherine Canto, Isabelle Mungenast & Solange Polycarpe
performance in Zusammenarbeit mit Werner Schwab und Axel Manthey
Produktion HAK Wien Film Studio Dangel Wien, April 1993

“Für meine Inszenierung hatte ich Schwabs Text verstärkt, überspitzt und übertrieben, indem ich Textstellen aus ihrem Zusammenhang gelöst, einem Zensursystem gegenübergestellt hatte, wodurch nur die Gipfel des Absurden übrigblieben. Eine Schnittechnik die dem Zappen von Fernsehsendern entspricht,
die alle in ihrer Sinnlosigkeit etwas gemeinsam haben, und dadurch erst recht etwas erzählen. Ich hatte also den Schwab’schen abstrusen Wortschöpfungen einen neuen Raum gegeben, und die Fremdheit seiner Sprache ausgestellt.

Es war das erste Mal, dass ich es mit einem lebenden Dichter zu tun hatte, Axel Manthey hatte diese Begegnung organisiert. Ich hatte gedacht, wenn ich einem lebenden Dichter als Künstler gegenübertreten soll, dann muss ich mir in ganz besonders starkes und unabhängiges Konzept ausdenken und eine gewisse Distanz aufbauen, um neben ihm bestehen zu können.
Und so habe ich nicht versucht seinen Text zu interpretieren und zu bebildern, sondern zu sehen und zu zeigen, wo seine Welt beginnt und wo sie aufhört. Ich entwarf also ein dramaturgisches System, das mit Klang, Raum und Geste gekoppelt war, und den Text regelrecht einfing wie ein Netz. Werner Schwab hatte nichts dagegen, im Gegenteil, ihm gefiel meine Haltung und er ermunterte mich noch, aus seinem Text ein eigenes Werk zu bauen.

Mich hat interessiert, wie die Leute bei Schwab sprechen und nicht was sie sprechen. Damit diese fremde Distanz und der Anarchismus dieses Dichters voll wahrnehmbar werden, habe ich seinen Text mit einer sterilen französischen Dolmetsch-Übersetzung konfrontiert , die ich eigens dazu anfertigen lies. Glatt gesprochen wie ein Flughafenansagetext, kam aus ihr, wie eine Missgeburt, die deutsche, grelle, derbe und vulgäre, herausgekotzte Schwab-Sprache in ihrer ganzen Blüte zum Vorschein.
Um den Effekt noch zu verstärken entschied ich, seinen Text zu fragmentieren und im ersten Teil immer wieder abrupt auf ein Kommando-Klangsignal hin beginnen und enden zu lassen, unvermittelt abzucutten. Im zweiten Teil hatte ich die beschriebenen Aktionen choreographisch umgesetzt und im dritten Teil nur die absurd gewordenen Regieanweisungen sprechen lassen, ohne jegliche Regung der Schauspieler, als würde die Szene posthum nach dem Tod stattfinden.

Ich hatte offensichtlich den frühen Tod des Dichters (der kurze Zeit nach meiner Aufführung starb) vorausgeahnt und inszeniert. Das Thema war also der Künstler, der vor seinem leeren Bild steht und sobald er es gemalt hat von seinem Oeuvre erschlagen wird. In der Aufführung stellt ein mit einer Plastikmembran bespannter roter Bilderrahmen tatsächlich den Raum der Handlung dar. Einen Taburaum, der sich nicht materiell betreten lässt, der nur die Worte auffängt. Diese unbetretbare Spielfläche liegt vor den Protagonisten, die wie Schatte, schwarz gekleidet auf ihren Auftritt warten. Il Höhepunkt wird Blut auf die transparente Fläche gespritzt, und diese durchstochen, und alle Akteure fliegen durch die Bildfläche, wie in eine andere Welt.
Regungslos verbleiben sie am Boden, während sich die zerfetzte Fläche über sie senkt und die Spuren des Lebens begräbt. Den theatralen Ablauf hatte ich mit einer Klanginstallation untermauert, die vom verzerrten Live-dolmetsch-sound, über live Percussion im zweiten Teil, bis zur elektronischen Stimme im Schlussbild reicht. die die absenten Aktionen beschreibt und zuletzt erlischt.

Das war meine Umsetzung von Werner Schwabs Text. Scheinbar entfernt von ihm, doch nah am Kern seines Themas, dem er eine Figur gibt, den Maler Hermann, der vor seinem Werk steht, und dann daran zugrunde geht - Schwabs tragische autobiographische Hauptfigur.
Für mich war damals der Inbegriff eines Künstler-klischées in Wien jemand, der Blut auf die Leinwand kotzt, und in Anlehnung und in Parodie auf so ein typisches künstlerisches herauskotzen habe ich also rote Farbe auf die Leinwand kleckern lassen.

1994 war Schwab, übrigens genauso, und im gleichen Jahr wie mein Vater, an Alkoholvergiftung gestorben. Die Fragestellung des Künstlers vor seinem Werk und Leben, zu der ich in dieser Arbeit gelangt war, hat mich in meinem folgenden Arbeiten bis heute geprägt. Die unbetretbare Bildfläche von 1993 wurde später zu „non-lieu“ und schließlich zum Vorbild des space-screen von BING!“ aus “Rahmen sprengen”.

Alexander Arotin im Gespräch mit Serghei Victor, Berlin 2009
The author Werner Schwab becomes Herrmann, the principal character of his play. A giant red frame covered with a transparent skin poses on the ground - this seems to be the place of action. Behind this frame are appearing the characters, one after the other, with dialogues, cut each time after one minute exactly, "as with a knife". The red frame rises gradually and Herrmann reverses red sanguine color on the scene, which is transformed successively into a painting while moving upside more and more towards the vertical.

Behind the frame-screen appears the shades of the characters - deprived of their text this time, executing only the actions described by the author. While the red color runs downside, the shades push Herrmann, through the screen like through a "broken mirror". Lying on the ground without any movement, the protagonists are listening to the author’s indications for the movements of the third act. The accomplished painting starts to be inclined and "bury" the protagonists....

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